Sie spürte wie ihr Kopf sich schüttelte. Wie um seine Frage abzutun, sein Bohren, seine Neugier in eine Langeweile zu verwandeln. Denn was könnte spannender sein als zu erfahren warum sie Müde aussah? Alles. Nichts. Alles. Für sie Alles und so sollte es auch alles für ihn sein.
Manchmal verlor sie die Macht über ihren Körper, wenn er versuchte sie zu beschützen.
Manchmal beschützte ihr Körper sie selbst vor ihm. Manchmal schüttelte er den Kopf, wenn er wollte das die Grenzen nicht überschritten wurden, zwischen ihm und ihr.
Aber genau in diesem Augenblick wollte sie nicht Dankbar sein dafür.
“Ich hab nicht gut geschlafen.” Murmelte sie, mit belegter Stimme, es schien das sogar ihr Hals versuchen würde eine Barriere aufzubauen die keiner von Beiden überwinden konnte.
“Ich…” Setzte sie an, stoppte und starrte dann aus dem Fenster. In ihr begann es zu Rauschen, zu Kippen, ihr Gehör kippte von einer Seite auf die Andere. Als ob sie auf einem Boot stehen würde, in mitten eines Meeres. Seines Meeres. Er war das Meer und sie irgendwo dort draussen. Mit einem kleinen, hölzernen Schiff, das hin und her getrieben wurde, weil sie irgendwo auf ihrem Weg das Segel und die Ruder verloren hatte. Sie hatte die Kontrolle aufgegeben und schaukelte nun ziellos hin und her in den Wellen.
Verwirrt betrachtete sie ihre offen daliegende Hand. Auf dem Tisch. Sie zitterte, sie zog sie zu sich, zu ihrem Körper zurück, liess die Tasse sich in ihre Handfläche schmiegen, sie war kalt geworden.
Dann erst, nach Atemzügen, sie wusste nicht wievielten, vielleicht ja, doch genau 23 Atemzügen sah sie wieder zu ihm auf.
Auch wenn man ihr die Müdigkeit, die wenigen Stunden Schlaf, die sie letzte Nacht gefunden hatte, ansah, strahlte sie immer noch Stärke aus. Diese innere Wärme, die Kraft, das Licht, sie war wie ein Leuchtturm in der Nacht, und nun, da sie ihn wieder mit diesem Blick ansah, wich er ihren Augen aus. Er drehte seinen Kopf ganz und hob die Hand, um der netten Kellnerin zu deuten, dass er gerne bestellen würde. Als diese ihn gesehen hatte, drehte er sich wieder um, “Du was?” sagte er und lächelte sie an. Es passierte ihm immer wieder, dass er den Raum, der sich um sie beide herum, wie von selbst, aufbaute und sie isolierte, verlassen musste, damit er nicht seinen Halt verlor. Meist reichten ihm dafür nur wenige Sekunden, doch in letzter Zeit passierte es immer häufiger, dass, je mehr er versuchte dagegen anzukämpfen, desto tiefer verlor er sich in ihr, in diesem Raum, in ihrer gemeinsamen Wirklichkeit. Sie schaute ihn immer noch an, nein, sie starrte ihn an und gab ihm keine Antwort. “Emilia?” wie von selbst wanderte sein Arm über den ganzen Tisch und seine Finger berührten ihr Handgelenk.
Sie zitterte. Innerlich, keiner konnte ihr Zittern sehen. Der einzige Halt den sie hatte war der Grüntee in ihren Händen. Er dampfte und sie blickte diesem zu wie er in der Luft verschwand, sich auflöste, immer und immer wieder, wie ein stetiger Strom, ein Fluss der sich von der Schwerkraft losgelöst hat und statt hinunter, empor floss.
Er würde gleich kommen, es war dieses Ritual, sie immer 5 Minuten zu früh und er auf die Minute genau. In ihrem Café war es laut, rauchig und schnelllebig. Das Café war bunt, bunte Tassen, blaue Stühle, rote Tische, orangefarbene Teller. Die Wände waren kunstvoll bemalt von unbekannten, doch sehr guten Künstlern. Sie liebte es hier zu sitzen, hier zu sein. sie liebte es hier zu sitzen mit ihm.
Es war eines der wenigen Cafés in denen man noch Rauchen durfte. Sie mochte es, obwohl sie nicht rauchte, nicht mehr, sie hatte es aufgegeben wie viele kleine andere schlechte Eigenschaften. Viele Eigenschaften waren auch geblieben, an ihren Fingernägeln kaute sie noch, heute tat sie es auch. Vor Nervosität.Aber hier sitzen, in ihrem und seinem Lieblingscafé, tat sie gerne, in der Ecke, mit Blick nach draussen auf die Strasse. Sie liebte ihren Platz, von hier aus konnte sie alles überblicken in dem Café und auch die Welt auf der anderen Seite der Glasscheibe. Diese Welt war voller Autos und sich an der Scheibe vorbei bewegender Menschen. Menschen die sich ganz schnell bewegten, denen zwischen den Schultern der Stress sass. Wie ein kleines Monster das sich in die Wirbelsäule verbissen hatte und sie dabei vergessen liess das sie die eigenen Lebenssekunden verschwendeten. Monster die die Menschen dieser Aussenwelt zur Eile antrieb.
Einer Welt - die ihr sobald sie an ihrem Platz sass - fremd vorkam. Als ob es nicht ein Teil ihrer kleinen persönlichen Welt war in der sie sich tagtäglich bewegte. Einer Welt zu der sie immer wieder den Anschluss verlor.
Sie blicke nervös auf die Uhr, warum sie so nervös war wusste sie nicht, sie trafen sich oft hier, aber vielleicht war es wegen gestern Abend. Solche scheinbar ausweglosen Situationen hatten sie nicht. Eigentlich.
Aber sie hatte es auch nicht verstanden, glaubte sie, jetzt zumindest.
Die Nervosität verging nicht und sie schenkte ihr so wenig Aufmerksamkeit wie sie konnte. Mit einem nervösen Lächeln setzte sie sich auf ihre eine Hand um nicht mehr an den Nägeln zu beissen und umklammerte mit der anderen die helltürkise Tasse, welche sie schon leer getrunken hatte.Die Minute brach an. Das nächste Mal wenn die Tür aufschwang, musste er hineinkommen.
Er musste rennen um noch pünktlich zu kommen. Er hatte sich aufhalten lassen, von allem was ihn auf irgendeine Art und Weise hätte aufhalten können. Wahrscheinlich gab es für all diese Verzögerungen auch einen Grund. Es war seine Angst. Völlig außer Atem kam er endlich an und betrat ihr Lieblingscafé. Über all die Köpfe hinweg sah er sie, wie immer saß sie am Fenster. Sie hielt ihre Tasse fest in der Hand und blickte ihm, mit seinem ersten Schritt in die Wärme und trotz der Entfernung, direkt in die Augen. Natürlich war sie zu früh da gewesen. Wie konnte es auch jemals anders sein.
Er schloss seine Augen, alles in ihm sträubte sich gegen seine Vorhaben. Der intensive Geruch von Kaffee stieg ihm in die Nase. Weiterhin bemüht sich selbst zu beruhigen, öffnete er sich wieder der Welt und ging nun langsam auf sie zu, all seine Gedanken darauf gerichtet gleichmäßig ein und aus zu atmen. Wie eine Ewigkeit kam es ihm vor, bis er schließlich vor ihr stand. Ihre dunklen Augen hatte eine beruhigende Wirkung. Jedes Mal wenn sie sein Gesicht musterte und versuchte darin zu lesen, ihn zu lesen wie sie eines ihrer vielen Bücher las, kam es ihm vor als würde sie ihn tatsächlich berühren, als würde sie mit den Händen über seine Züge streichen. Die Angst und der Stress verschwanden, er legte den Kopf etwas schief und lächelte, “Du schaust schon wieder als wäre gerade deine Welt untergegangen.” Er zog seinen Mantel aus, lies sich auf seinen Stuhl fallen, lehnte sich zurück und verwandelte sein Lächeln in ein Grinsen.
Sie hatte ihre Tasse losgelassen. Ihre Hand lag auf dem Tisch, nicht ruhig, es war wie ein leichtes Beben. Sie zitterte. Er musste dem Drang widerstehen sie zu berühren. Es war genau wie gestern, innerhalb von Sekunden hatte sich die ganze Situation verändert. Alles an ihm, wollte alles von ihr, alles mit ihr. Der einzige Unterschied war, dass er die Kraft besaß seiner Bereitschaft, ihr dafür alles zu geben was er besaß, auch sich selbst, zu widerstehen. Sie schenkte ihm ein müdes Lächeln. Das war nicht ihr Lächeln. Plötzlich kostete es ihn wahnsinnig viel Mühe, all seine Gefühl in seinem Inneren zu behalten und sein Gesicht nicht für ihn selbst sprechen zu lassen. Er wurde nervös und als sie ihm immer noch nicht antwortete fügte er hinzu “Wie geht es dir, du siehst ziemlich müde aus?”
Kapitel II
Als er erwachte fand er sich auf seinem Bett wieder. Er hatte seinen Mantel noch an, es war viel zu warm, in seinem Kopf hämmerte etwas gegen die Schädeldecke. Seine Hand wanderte zu seinen Augen, ganz langsam setzte er sich auf und fuhr über sein Gesicht. Was gestern passiert war wirkte wie ein Traum. Ein weiterer Abend, welcher in seinem, ihm so bekannten, Nebel verschwand. Sein Schiff trieb wieder auf offenem Meer. Sicherheit. Langsam stand er auf und legte endlich den Mantel ab, fasste anschließend in seine Innentasche, suchte sich durch die vielen Kleinigkeiten zu seinem Feuerzeug, nahm sich eine Zigarette und schleppte sich müde zu seiner Balkontür. Die Kälte der Nacht hatte sich noch nicht verabschiedet. Er hatte nicht sehr lange geschlafen, die Sonne war noch nicht aufgegangen doch konnte er den orangenen Schimmer schon sehen, der sich langsam über die Dächerreihen schob. Die klare Dunkelheit der Nacht war nur noch direkt über ihm zu sehen. Der Rauch vermischte sich mit der frischen Morgenluft. Was für ein völlig unnötiger Laster dies doch war, reine Gewohnheit, die er sich nicht abgewöhnen wollte. Er musste endlich ehrlich zu sich selbst sein. Als sie ihn damals am Flughafen stehen gelassen hatte und mit allem was darauf hin passiert war, hatte sie seine sonst so unordentliche Welt auf eine Art und Weise verdreht, die ihn verwirrte. Er mochte seine Unordnung, sein Durcheinander, sein endloses Meer in dem er sich fallen lassen konnte so oft und wie lang er wollte. Es war seine Flucht vor sich selbst, aber auch vor allem anderen, doch statt unterzugehen und zu ertrinken, wie all die Frauen, naja, Menschen, vor ihr, hatte sie einfach ein Boot gebaut. Sie hatte seine Mauern eingerissen und sie tat es immer und immer wieder. Er spürte wie die Angst wieder in ihm wach gerüttelt wurde. War es möglich, dass dieses Frau ihn beherrschen konnte? Allein bei dem Gedanken daran entwickelte sein Wasser einen beunruhigenden Wellengang. Er zerdrückte den Rest seiner Zigarette und griff nach seinem Handy, was machte sie gerade, ob sie schon wach war, ob sie genauso wenig und schlecht geschlafen hatte wie er? Nach kurzem Zögern tippte er ihre Nummer ein und schickte die Nachricht ab. Sein Blick traf nun auf die Sonne. Unruhig flackernd schob sie sich über die Dächer hinweg, bereit die Nacht zu einem wunderschönen Tag zu machen. Ja, er musste endlich ehrlich sein, er hatte sie in sein Herz gelassen, doch wollte sie auch eintreten?
Es war eine ihrer schlimmsten Nächte. Sie fühlte den Schlafentzug und die ganzen Gedanken die in einer Wirrheit auf sie einhämmert und in sie eindrangen ohne dass sie es verhindern konnte. Doch durch die Müdigkeit wurden die Gedanken langsamer, abstruser, drehend und verloren ihren positiven Charakter.
Die Musik hörte sie kaum noch, sie spielte leise, war in den Hintergrund ihres Seins gerückt. Sie hörte wie auf dem Boden ihr Handy vibrierte. Wie immer hatte sie es im Anflug von Frust und Unsicherheit dort hinfallen lassen, über ihre Bettkante, die Klippe ihrer Sicherheit rutschen lassen und es dort sein lassen.
Sie kämpfte sich aus der verdrehten Bettdecke heraus und suchte dann nach ihrem Handy das irgendwo unter Kopien von Gedichten und Büchern, die sie hätten durch die Nacht bringen sollen, lag.
Bevor sie es fand, wusste sie das die Nachricht von ihm sein musste. Kurz hielt sie es fest, um den Stromschlag zu spüren, der nicht von ihrem Handy ausgesendet wurde, sondern von ihrem Inneren kam und liess es wieder fallen. Sie war noch nicht so weit. Nicht ohne eine Tasse Tee an der sie sich festhalten konnte.Draussen fiel der Schnee. Seine Nachricht lag irgendwo in ihrem Schlafzimmer, ungelesen. Der Wasserkocher gab ein pfeifendes Geräusch von sich und beschlug das Fenster unter welchem er stand. Die Tasse für den Tee stand dort. Es war seine, er hatte gestern aus ihr getrunken, abgewaschen war sie nicht. Sie tat so als wäre sie sich dessen nicht allzu bewusst.
Sie malte kleine Blumen auf die beschlagene Stelle der Scheibe und wartete bis ihr Wasser endlich zu Ende gekocht hatte.
Mit Tee in den Händen lief sie zurück in ihr Schlafzimmer und liess sich zu Boden sinken, neben den Haufen aus Papieren und Büchern, neben ihr Handy und nahm es in die Hand.“Kaffee um 14.00?”
Ihr Herz stockte und ein Lächeln zauberte sich in ihr Gesicht. Wie immer: kurz, bündig und rein informativ.
Sie antwortete ihm zwei Buchstaben.
Stand dann auf, liess das Handy hinter sich liegen und suchte nach Kleidung.
Sein Handy vibrierte, er öffnete ihre Nachricht und lächelte. Na ging doch. Er sah auf die Uhr, er hatte noch mehr als genug Zeit. Er setzte Wasser auf und ging ins Bad, der lange Blick in den Spiegel. Tiefe Ringe unter seinen Augen im Einklang mit einem Dreitagebart, die Nacht auf See hatte ihm wohl zugesetzt. Dieser Morgen, dieser Tag, war wie die Ruhe nach dem Sturm. Er musste ehrlich sein. Wie oft hatte er sich genau das schon vorgenommen, immer und immer wieder und jedes Mal war es darauf hinaus gelaufen das die Wellen höher und höher wurden bis er drohte unterzugehen. Er musste ihr die Wahrheit sagen, er musste ihr endlich sagen vor was er Angst hatte, das er Angst hatte, das er vielleicht weglaufen würde, auch wenn er eigentlich nicht weglaufen wollte. Langsam zog er sein Pulli und das T-shirt aus, seine blauen Flecken waren inzwischen grün. Ruhe, das war was er nun dringend nötig hatte bevor er sich mit ihr traf. Das eiskalte Wasser traf auf die dumpfen Schläge in seinem Kopf, samt Jeans stand er unter der Dusche und schloss die Augen. Die Kälte hatte eine ähnliche Wirkung wie in der Nacht und doch war es anders. Langsam drehte er seine Hand, von der blauen zur roten Markierung, so langsam das er sich ganz und gar auf die Temperaturveränderung einlassen konnte. Der Jeansstoff klebte an seiner Haut. Keine Gedanken mehr, keine Gedanken bis er bei ihr war. Er würde seine Angst ertränken, wie sie jedes Mal aufs neue versuchte ihn in seinem eigenen Element untergehen zu lassen. Er würde sie mit Wahrheit vernichten, bis sie keine Möglichkeit mehr hatte ihn einzusperren.
Ihre Antwort war ein völlig unverständliches Gemurmel. Immer weiter wich sie vor ihm zurück, wirkte aber alles andere als sicher auf den Beinen. Er konnte sie nun hier nicht einfach stehen lassen. Mehr instinktiv als gewollt ging er die paar Schritte hinter ihr her und ergriff locker ihren Arm. “Willst du dich nicht lieber setzen?” sein Blick schweifte über ihre Schulter hinweg und er sah wie ein weiterer Koffer vom Gepäckband viel der seinem praktisch glich. Kein wunder hatte sie ihre Koffer verwechselt “Ich denke ich hab so eben deinen Koffer entdeckt.” Sie blinzelte immer wieder, sagte aber nichts also nahm er seinen Koffer, führte sie bestimmend zu einer Bank und drückte sie an den Schultern herunter, damit sie sich setzte. “Hier bleiben und wenn es sich irgendwie einrichten lässt, nicht die Augen zu machen.” er kniete vor ihr und sah sie an, schaute in ihre tiefen Augen. Der kalte Boden gab ihm mehr Sicherheit, “Falls es schlimmer wird, solltest du deine Beine nach oben legen.” er riss sich von ihren Augen los, die ihn so durcheinander brachten, stand auf und lies seinen Blick über das Band ziehen. Da war ihr Koffer.
Sie blinzelte erschrocken und bemerkte das sie sass, fester Boden unter ihr. Das Rauschen nahm merklich ab, aber es blieb wie eine drohende Warnung in ihrem Hinterkopf, hing an ihren Ohrläppchen und hinterliess einen bitteren Nachgeschmack. Aber sie war noch immer hier, in diesem verfluchten Flughafen.
Wo war er hin? Sie waren sich doch gerade noch gegenüber gestanden und jetzt war sie allein. Hektisch sah sie sich um, ihr Koffer, da sein Koffer, neben ihr, berührte fast ihr Knie. Von der schnellen Bewegung wurde ihr wieder schwindlig. Sie musste endlich hier raus.
Mit einem zweiten schwarzen Monster kehrte er zurück und lächelte, lächelte? Lächelte er sie wirklich an oder war es diese Gewohnheit die Menschen zeigen, wenn sie Gefühle zeigen, nett zueinander sind, sich nicht kennen oder eine Unsicherheit überspielen wollten? Das musste es sein, diese Unsicherheit, er musste sie für völlig verrückt erklären. Wie oft hörte man von durchdrehenden Mädchen am Flughafen?
Wieder blinzelte sie, versuchte den Flughafen auszublenden und sich auf ihren nahenden Koffer, oder eher auf ihn zu konzentrieren.
” Es tut mir leid.” Setzte sie an und verstummte wieder, weil sie eigentlich gar nicht wusste was ihr genau leid tat. Ihr hysterischer Anfall, den sie zum Glück mit sich im inneren ausgetragen. Oder das sie seinen Koffer mitnehmen wollte und dann störrisch darauf beharrte das es ihrer war. Vielleicht tat es ihr aber vielmehr noch leid das er sich nun auch noch um ihren Koffer kümmern musste.
Er stand, gross vor ihr, schaute auf sie hinunter. Sie wagte einen Blick in seine Augen, sie wirkten wie die Ruhe vor dem Sturm, erinnerten sie an das Meer.
Dann atmete sie ein, liess seine Ruhe wie eine Welle in ihr inneres Fluten.
“Danke.-” setzte sie wieder an.
Er stellte den Koffer vor ihr ab, und lächelte. Sie hatte wieder aufgehört zu reden, wirkte verwirrt und durcheinander, hatte jedoch wieder etwas mehr Farbe im Gesicht und schaute ihn an. Ihm kam es wie eine Ewigkeit vor. Die Nervosität welche er vor ein paar Minuten in sich gespürt hatte kam zurück. Irgendwie war ihm dieses Mädchen lieber wenn es nicht ganz bei Sinnen war. Ihre Hilflosigkeit hatte ihm Zeit gegeben seine innere Ruhe und Sicherheit wieder an den richtigen Platz zu rücken, jedoch schien es als würde seine ganze Arbeit nun wieder auseinander brechen. “Geht es dir wieder besser?” fragte er, um sich aus dieser, für ihn, unangenehmen Situation irgendwie zurück ins Meer zu retten, sich selbst von seinen Wellen treiben zu lassen, in seinem Ozean zu verschwinden. “Vielleicht solltest du etwas trinken, essen oder einfach an die frische Luft? Folgender Vorschlag, ich begleite dich raus, übernehme freiwillig die Koffer und du schaust ob du etwas essen oder trinken willst? Nicht das ich dir nicht zutrauen würde dieses Teil alleine nach draußen zu befördern, allerdings wirkst du etwas wackelig auf den Beinen.” er grinste. Zu seiner Freude hatte er den Boden unter seinen Füßen wieder verloren, ließ sich von den Wellen hinaus reißen und blickte nun direkt in ihre dunklen, warmen Augen. Er atmete ruhig, sah sie einfach nur an und wartete auf eine Antwort.
“Ja, das ist ne gute Idee.” Sagte sie ruhig, “ganz normal wirken”, murmelte sie sich im Stillen zu. “Ich hole Kaffee.” Sagte sie deutlich, “..Draussen!” Da, endlich, sie sah sie, die Tür, die Fluchttür, endlich aus diesem Flughafen herauszukommen. Es war ihr eigentlich schon fast egal wie. “Bei den Busbahnhöfen gibt es einen Kaffeestand.” Sagte sie noch, fest, laut, schon auf dem Weg nach draussen, über ihre Schulter hinweg.
Draussen liess sie sich gegen die Wand sinken. Atmete ein und aus, mehrere Male bevor sie es wagte die Augen zu öffnen. Mit geschlossenen Augen versuchte sie sich wieder zu beruhigen. Die frische Luft wirbelte ihren verwirrten Verstand durch und es war ihr wieder möglich klar zu denken. Hatte sie gerade ihren Koffer einem fremden Mann überlassen? In ihrem inneren tauchte sein Gesicht auf und ruckartig öffnete sie die Augen.
“Na gut,” wisperte sie leise und kramte in ihrer anderen Tasche nach dem Geld, “gut, ich werde jetzt Kaffee holen, für zwei. Und er wird kommen und mir meinen Koffer zurückbringen.”. Er musste kommen, dachte sie, in ihrem Koffer war nichts wertvolles. Nicht für irgendjemand anderes ausser ihr. Es waren nur die Bücher, Bücher die jetzt ihr gehörten.
Er lächelte? Sie fauchte in ihrem Inneren. ” Dieser Koffer, ist ganz bestimmt mein Koffer.” Es musste ihr Koffer sein, denn kein anderes Gepäckstück konnte so schwer sein wie ihres, gefüllt mit Büchern. Aber das musste er ja nicht wissen, ihr Blick verfing sich in seinem. Kurz betrachtete sie sein Gesicht, bevor sie sich auf den Punkt, zwischen den Augenbrauen, konzentrierte den sie generell bei Menschen anschaute die sie nicht kannte. Sein Lächeln, das wohl vielmehr ein unverschämtes Grinsen war hatte seine Augen nicht erreicht. Sie wirkten kühl und irgendwie abwesend, als ob diese Augen ganz andere Dinge sahen, als jeder andere Mensch um sie herum wahrnehmen konnte. “Wie kommst du überhaupt darauf, dass dieser Koffer dir gehören soll?”, fügte sie ihren Worten mit einiger Verspätung hinzu, da er wohl nicht daran dachte ihr zu antworten. Ausserdem wollte sie diesem jungen Mann noch eine kleine Chance geben bevor sie einfach davonlief und ihn alleine stehen liess.
Es war ihm unmöglich ihren durchbohrenden Blick weiter zu übergehen. Er nahm wahr wie ihre Lippen sich ein weiteres Mal bewegten, doch hatte ihr Blick ihn gefangen genommen bevor die Worte ihn erreichen konnten. Sie sah ihn nicht einfach an, es war als würde sie ihn durchschauen. Er war sprachlos und konnte spüren wie die Nervosität langsam aus seinen Tiefen hervor kroch. Ihr Schweigen verweilte nun schon zu lange in der Luft zwischen ihnen, leicht schüttelte er seinen Kopf um sich aus seinen Gedanken zu reißen, “Ah- Ja. Ich weiß ja nicht wie es mit deinem Koffer aussieht, allerdings-” er schloss für einen Sekundenbruchteil seine Augen um sich erneut zu sammeln “Sind an meinem hinten die Rollen kaputt.” beendete er seinen Satz, zeigte auf seinen Koffer und lächelte sie nun wieder an. Eine Strähne viel ihr ins Gesicht als sie ihren Kopf zur Seite drehte um seinem Finger zu folgen. Sie sah müde aus. “Mal ganz davon abgesehen” fügte er weiter hinzu “Müsste mein Koffer eigentlich unverwechselbar schwer sein, es ist absolut beeindruckend, dass du ihn alleine von dem Band bekommen hast.” Er grinste. Irgendwie musste man diesem völlig genervten Fräulein doch zu einem Lächeln verhelfen können, auch wenn er eher das Gefühl hatte es mit ihren Nerven vermutlich gerade auf die Spitze zu treiben.
Seine Stimme. Ihr Herz stoppte, ihr Blut zirkulierte nicht mehr, ihre Nerven funktionierten nicht mehr, ihr Körper erfror. Dann, ganz langsam, verlangsamt gelang ihr Körper wieder in Bewegung, aber sie fühlte sich eigenartig benommen. Von dieser Stimme. Ein Kribbeln durchfuhr sie als er sie musterte. Abschätzig? Berechnend? Neugierig?
Sie klammerte sich an ihrem Koffer fest, das warme Plastik des Griffs schmiegte sich in ihre Hand, oder schmiegte sich ihre Hand an den Griff?
Da, darauf hatte sie nur gewartet, die stechenden Kopfschmerzen. Viele Menschen, fremde Gerüche, der typische Flughafenstress. Sie hielt sich nur noch mehr am Koffer fest und anstatt endlich die Tatsache zu bestätigen das es IHR Koffer war und auf die Rollen zu sehen, konzentrierte sie sich darauf nicht die Nerven zu verlieren.
In ihrem Kopf rauschte es und sie vernahm nur noch die Worte: “..beeindruckend, dass du ihn alleine von dem Band bekommen hast.”
“Natürlich, hab ich ihn alleine vom Band bekommen.” Schnappte sie und zuckte innerlich zusammen, warum war sie so hitzig? Er schien eigentlich lediglich die Tatsache feststellen zu wollen von wem dieser verdammte Koffer war, er konnte ja nicht wissen das es IHRER war und nicht seiner. Schnell, und doch zwei Atemzüge verspätet fügte sie hinzu: “ich hab diesen Koffer schliesslich auch abgegeben.”
Ihre Finger strichen abwesend, abermals über den Griff, auf der Suche nach der allzu vertrauten kleinen Kerbe, die sie einmal mit einem Hotelzimmerschlüssel in den Kunststoff gerissen hatte.
Nervös rieb sie über den Plastik und suchte den winzigen Riss, der zu fehlen schien. Um sie herum begann es zu Rauschen und sie klammerte sich an dem Blick des Fremden fest. Sie wagte es nicht mehr zwischen seine Augen zu schauen, denn jetzt würde sie die Orientierung verlieren, zwischen seinen Augen und sie musste das Gleichgewicht behalten, in seinen Augen.
Ihre Antwort hatte ihn vollkommen aufgeweckt und zurück in die Realität gebracht, natürlich hatte sie den Koffer auch abgegeben, aber anscheinend hatte er wohl einfach den selben Koffer und sie hatte ihn auf den ersten Blick verwechselt, das war doch nichts schlimmes. Als sie ihn nun wieder ansah, musterte er ihr Gesicht. Es war schmal und ihre dunklen Augen schauten nun direkt in seine. Erst jetzt nahm er die tiefen Augenringe wahr, sie war blass und ihr Blick, der so klar und überzeugt gewesen war, wirkte nun ziellos, hatte jedoch nichts an seiner Tiefe verloren, welche ihn so verunsicherte. “Ist alles okay?” sagte er, da er kurz das Gefühl hatte sie würde das Gleichgewicht verlieren.
Er starrte sie besorgt an, da endlich, das erste wirkliche Gefühl, dass sie in seinen Augen sehen konnten. Besorgnis. Wieso war er besorgt? Verwundert versuchte sie den Grund für dieses Gefühl zu finden.
Das Rauschen in ihren Ohren nahm zu, es war viel zu viel. Langsam hielt sie sich nicht mehr am Koffer fest, sondern der Koffer sie. Zwar sah sie, wie seine Lippen sich bewegten doch das Geräusch in ihrem Inneren wurde so laut, dass sie nichts mehr hörte.
Plötzlich liess sie den Koffer los und machte ein paar Schritte zurück.
Sie musste raus hier und zwar sofort. Immer wieder schnappte sie nach Luft, wo war sie bloss, diese verdammte Luft? Sie wusste das ihr Körper, normal funktionierte und sie atmete, aber irgendwie erreichte der Sauerstoff, der nunmal Lebensnotwendig war, einfach nicht ihr Gehirn und betäubte dieses Rauschen.
Wieder ein paar Schritte, sie versuchte eine Entschuldigung an ihn zu murmeln, dass sie seinen Koffer fast mitgenommen hätte, aber wusste nicht ob sie je über ihre Lippen kam.
Die letzten Gepäckstücke drehten auf dem Band am Flughafen, als sie ihren Koffer entdeckte, schnell darauf zu lief um ihn vom Band zu nehmen und endlich diesen ihr suspekten und ungemütlichen Ort zu verlassen. Sie wollte zurück in die reale Welt, hinaus ins treiben der Grossstadt. Sie packte ihren Koffer und versuchte ihn vom Band zu ziehen. Nach einigem zerren und reissen, welches auch gefährlich an ihren Nerven zog, schaffte sie es dieses riesige schwarze Monster das sie auf ihren Reisen begleitete auf den Boden neben sich zu befördern.
In diesem Moment erklang die Stimme hinter ihr die behauptete das dieser Koffer sein und nicht ihrer war.
Er schmunzelte, vielleicht war es nicht ganz fair von ihm einfach zuzuschauen wie dieses, so weit man das von hinten einschätzen konnte, gut aussehende, Mädchen, mit großer Mühe versuchte seinen schwarzen Koffer vom Gepäckband zu heben, aber er konnte einfach nicht anders. Als sie es gerade geschafft hatte, nahm er die letzten Schritte zu ihr, stellte sich knapp hinter sie und sagte, noch immer mit einem Grinsen auf dem Gesicht, “Ich möchte dich ja wirklich nicht bei diesem riesigen Unterfangen unterbrechen, aber dieser Koffer scheint mir zu gehören.” Zögernd drehte sich das Mädchen nun zu ihm um. Sie durchbohrte ihn mit einem Blick von welchem jedem anderen das Grinsen wahrscheinlich vergangen wäre, er dachte jedoch nicht großartig darüber nach und lächelte sie an.
Früher an diesem Abend
Zitternd liess sie sich zu Boden sinken, das kühle Holz, der Türe, an ihrem Rücken. Sein Gesicht brannte vor ihren Augen und sie vermochte nicht es wegzublinzeln. Sie versuchte nach Luft zu schnappen, als sie an sich hinab sah, sah sie das sich ihre Brust stark hob und senkte und doch schien ihr als ob kein Luftzug ihre Lungen erreichte. Mit ihren Fäusten, die sie sich in die Augen drückte, versuchte sie sein Gesicht aus ihren Gedanken, ihrer Vorstellung zu verbannen, aber es blieb dort, vor ihr stand es und starrte sie an. Er starrte sie an aus seinen meerblauen Augen, mit seinem verträumten Blick.
Aber noch immer bekam sie keine Luft, nicht wenn sie dieses Bild vor Augen hatte. Mit den Händen riss sie panisch die Knöpfe ihres vergissmeinnicht-blauen-lieblings Hemdes auf und ignorierte das ein Knopf absprang. Sie musste atmen.Es wurde ein bisschen besser. Aber sie wusste, das sie sich entscheiden musste wie es weitergehen sollte. Unmöglich konnte sie diese Besuche weiter ertragen, hoffen, sehnen und warten. Hinter dieser verdammten Türe warten bis er wieder kommen würde. Niemals mit Sicherheit im Wissen ob er überhaupt wieder vorbeischaute. Manchmal dauerte es Wochen bis sie sich wieder sahen. Manchmal Tage. Manchmal Stunden. Sie wusste nicht viel über ihn. Sie wusste nur, wie sie sich kennengelernt hatten…
Als er nach Hause kam umschloss ihn die Wärme und weckte seinen gefrorenen Gedankenstrudel. Er wollte das nicht mehr. Alle Gedanken an sie konfrontierten ihn mit Gefühlen die er nicht mehr wahrnehmen wollte. Sie hatte eine Seite von ihm wieder aufgeweckt die er nun Jahre ignoriert hatte. Manchmal kam es ihm so vor als würde er sie schon Ewigkeiten kennen. Noch nie hatte ihn ein Mädchen so vollkommen fasziniert und er wusste genau, egal wie sehr er versuchte gegen all die Gedanken und Gefühle anzukämpfen, er würde niemals vergessen wie sie sich kennengelernt hatten…
Die Dunkelheit war gerade hereingebrochen…
…als er an ihre Tür geklopft hatte. Nun stieg ihm der klare Geruch von tiefster Nacht in die Nase und Kälte kroch unter seinen Mantel. Alle gefallenen und verschwiegenen Worte rasten durch seinen Kopf und hinterließen nichts als ein Durcheinander. Er hatte seine warmen Hände in die Taschen gesteckt und versuchte das Chaos in seinem Kopf zu beseitigen, erfolglos. Der Wind fuhr ihm durch die Haare. Ein Hauch von Vergangenheit, der sofort wieder verschwand. Wohin sollte er gehen? Was noch denken? Wie sollte er dazu stehen? Er konnte ihre Intensität noch immer auf seinen Lippen…
…schmecken. Die Intensität der Worte, die er einmal mehr herunter geschluckt hatte, verschwiegen hatte. Auch schmeckte er die Worte, die gesprochen wurden, an diesem frühen Abend. Worte, die nicht halb soviel gesagt hatten, wie sie eigentlich hätten sagen sollen. All diese Worte, die dieses rasende Durcheinander hinterliessen. Er versuchte sich diesen Geschmack von seinen spröden Lippen zu lecken, doch dieser verwirrend bittere Geschmack, der Worte die er ausgesprochen hatte und die intensive Süsse der Worte, die er in sich selbst verlieren wollte, um sie niemals auszusprechen, blieben wie festgeklebt an ihnen hängen. Das Einzige, was passierte, war, dass seine Lippen aufrissen und sich zu der bitteren Süsse der Geschmack seines Blutes dazugesellte. Diese Mischung löste ein schwindelregendes Gefühl in ihm aus, brachte ihn zum zittern und setzte Energie frei. Energie, die er unbedingt loswerden musste. Loswerden wollte. Zu diesem Strudel aus Worten und dem Blut kam nun der…
…befreiende, eisige Wind, welcher hart gegen sein aufflackerndes Feuer schlug. Für einen Augenblick schloss er die Augen, ließ alles mit der Dunkelheit eins werden, sich von dem Wind davon treiben, nur um sich schließlich auf die kleinen warmen Stellen zu konzentrieren, welche sich gleichmäßig auf seinen Lippen verteilten und schließlich in der kalten Nacht verschwanden. Alles war in den letzten Stunden noch weiter heruntergekühlt, alles. Das war, was er sich einzureden versuchte. Er mochte diese Winternächte, die Kälte durchdrang jeden Gedanken und hinterließ schlichte Klarheit, ohne irgendetwas aufgeklärt zu haben. Es war ihre Reinheit, welche alles andere zur Seite drängte und jedes Wort, jeden Gedanken und all seine Fragen erst in einem Nichts und schließlich in Nüchternheit verschwinden ließ. Er liebte und hasste sie für alles, wozu bisher nur sie fähig gewesen war. Das Chaos, der Strudel, welcher ihn tiefer und tiefer in sich hinein riss und für all die Energie und Wärme verantwortlich war. Sie durchbrach all seine Wälle, tanzte mit einer beängstigenden Leichtigkeit in ihn hinein und steckte alles in Flammen. Ihr loderndes Feuer brachte seine unterdrückten Gefühle, seine verdrängten Worte, die schützende Nüchternheit ja, sein ganzes Leben aus dem Gleichgewicht und egal wie sehr er versuchte mit seiner…
..inneren Ruhe gegen das Feuer anzukämpfen, es gelang ihm nicht. Nicht, dass er das Feuer ersticken wollte, aber es sollte so klein bleiben, dass er die Chance hatte noch zu atmen.